Du hast für Samstag zugesagt. Natürlich hast du das.

Deine Freundin hatte sich so gefreut. Die Kollegin, die ebenfalls mitkommt, hat schon einen Tisch reserviert. Und du? Du wolltest eigentlich einen Abend zu Hause. Diese Information hat es leider nicht durch die interne Freigabe geschafft.

Jetzt überlegst du, wie du die Verabredung überstehst, ohne müde zu wirken. Nebenbei beantwortest du noch eine Nachricht, die mit „Nur ganz kurz …“ beginnt und erfahrungsgemäß einen eigenen Kalender braucht.

Alle sind zufrieden. Zumindest alle, deren Wünsche du kennst.

Es allen recht machen wollen ist ein erstaunlich aufwendiger Job. Die Stellenbeschreibung hat dir nur niemand gegeben.

Warum willst du es allen recht machen?

Rücksicht kann ein Ausdruck von Nähe sein. Du hörst zu, denkst mit und möchtest anderen das Leben leichter machen. Lovely.

Vielleicht hast du aber auch gelernt, dass Zustimmung für Ruhe sorgt. Wenn niemand verärgert ist, musst du keinen Streit erwarten. Wenn du hilfreich bist, fühlst du dich zugehörig. Und wenn du früh genug bemerkst, was jemand braucht, kommt es möglicherweise gar nicht erst zu diesem Blick, diesem Tonfall oder diesem unangenehmen Schweigen.

So kann aus einer Entscheidung eine Gewohnheit werden. Du fragst dich nicht mehr zuerst: „Möchte ich das?“ Dein Kopf prüft sofort: „Wie würde die andere Person reagieren, wenn ich Nein sage?“

Der Unterschied ist entscheidend. Du darfst gern großzügig sein. Nur solltest du überhaupt mitbekommen, wann du etwas gibst.

Wenn deine Zustimmung darüber mitentscheidet, wie du dich selbst bewertest, reicht das Thema über einzelne Gefälligkeiten hinaus. Welche anderen Alltagssituationen auf diese Weise an deinem Wertgefühl rütteln können, zeige ich im Artikel Geringes Selbstwertgefühl: 7 leise Anzeichen.

So sieht es allen recht machen wollen im Alltag aus

Es beginnt selten mit einer dramatischen Selbstaufgabe. Meist sind es kleine Entscheidungen, die nach außen vernünftig aussehen:

  • Du sagst „Mir egal“, obwohl du eine klare Präferenz hast.
  • Du übernimmst etwas, bevor du deinen Kalender angesehen hast.
  • Du formulierst eine Absage so lange um, bis sie wie eine Entschuldigung für deine Existenz klingt.
  • Du änderst einen Plan, weil jemand kurz enttäuscht schaut.
  • Du bist abends gereizt und kannst kaum sagen, welche einzelne Situation dafür verantwortlich ist.

Jedes Mal wirkt es einfacher, kurz nachzugeben. Das kann sogar stimmen. Nur kommt nach diesem einen Mal häufig das nächste.

Irgendwann kennen andere deine Zustimmung besser als deine Wünsche. Das muss keine böse Absicht sein. Wenn du regelmäßig „Passt für mich“ sagst, dürfen Menschen zunächst glauben, dass es für dich passt. Sie sehen schließlich nicht die Verhandlung, die vorher in deinem Kopf stattgefunden hat.

Und trotzdem wäre es zu einfach, jede übergangene Grenze auf ein unausgesprochenes Nein zurückzuführen. Manchmal warst du klar und wurdest trotzdem nicht berücksichtigt. In Betwixt Yes´No™ kannst du eine konkrete Situation genau daraufhin anschauen: Was war in dir los, was kam außen an – und was hast du aus der Reaktion geschlossen?

Warum ein enttäuschtes Gesicht so viel Macht bekommen kann

„Schade, ich hatte mich gefreut“, sagt jemand.

Ein gewöhnlicher Satz. In dir klingt er womöglich wie: „Du hast etwas beschädigt.“ Vielleicht geht die Befürchtung noch weiter: Wenn ich öfter Nein sage, mag sie mich irgendwann nicht mehr.

Dann steht hinter der Verabredung plötzlich eine viel größere Frage: Gehöre ich noch dazu, wenn ich nicht immer mitmache?

Ablehnung fühlt sich schmerzhaft an. Deshalb ist es verständlich, dass du sie vermeiden möchtest. Nur kann ein enttäuschtes Gesicht dir nicht zuverlässig sagen, ob eine Beziehung in Gefahr ist. Es sagt zunächst einmal: Jemand hatte gehofft, dass du anders entscheidest.

Das darf unangenehm sein. Du musst es deswegen nicht sofort reparieren.

Warum du nicht alle zufriedenstellen kannst

Stell dir vor, du wärst der Kundenservice für sämtliche Gefühle in deinem Umfeld. Eine Person möchte mehr Zeit mit dir. Eine andere möchte, dass du früher Feierabend machst. Im Büro wäre deine Hilfe willkommen. Zu Hause ebenfalls. Und irgendwo dazwischen hättest du gern eine Stunde, in der niemand „nur ganz kurz“ etwas braucht.

Du kannst freundlich auf all diese Menschen reagieren. Du kannst nicht alle Wünsche gleichzeitig erfüllen. Das scheitert schon am Kalender, ganz ohne tiefere Charakterfrage.

Beim es allen recht machen wollen fällt dir dieser Widerspruch oft erst auf, wenn du längst zugesagt hast. Dann versuchst du, die Lösung in noch besserer Planung zu finden: früher antworten, geschickter formulieren, dich besser aufteilen.

Sorry, die Mathematik bleibt störrisch.

Eine Absage kann respektvoll sein und trotzdem enttäuschen. Ein Kompromiss kann fair sein und trotzdem nicht jede Person glücklich machen. Völlige Harmonie hängt von Entscheidungen und Gefühlen ab, über die du keine vollständige Kontrolle hast.

Für welche Gefühle bist du verantwortlich?

Für deinen Umgang mit anderen kannst du Verantwortung übernehmen. Du kannst ehrlich antworten, verbindlich bleiben und zuhören, wenn jemand enttäuscht ist.

Du kannst aber nicht versprechen, dass deine ehrliche Antwort angenehm sein wird.

Das ist ein nützlicher Unterschied. Sonst wird aus Rücksicht eine unmögliche Aufgabe: Du sollst für dich entscheiden und zugleich sicherstellen, dass niemand etwas Schwieriges dabei empfindet. Wer bitte hat dieses Briefing freigegeben?

Frag dich beim nächsten Mal:

Habe ich die Person respektvoll behandelt – oder versuche ich gerade, ihre Reaktion vollständig zu steuern?

Auf die erste Frage hast du Einfluss. Bei der zweiten stößt du irgendwann an die Grenzen deiner Zuständigkeit.

Manchmal hältst du an deiner Entscheidung fest und fühlst dich anschließend trotzdem schuldig. Dieses Gefühl ist ein eigenes Thema. Im Artikel Grenzen setzen ohne Schuldgefühle schauen wir genauer auf das, was nach einem Nein passiert.

Wie du deine eigenen Wünsche wieder in die Entscheidung holst

Du musst nicht ab morgen jede Bitte mit einem entschlossenen Nein beantworten. Fang an einer Stelle an, an der du sonst automatisch zustimmst.

1. Kauf dir Zeit.

„Ich schaue nach und sage dir heute Abend Bescheid.“ Ein Satz. Keine Begründungsrede. Erst prüfen, dann antworten.

2. Nenne eine echte Präferenz.

„Ich würde lieber am Nachmittag gehen.“ Vielleicht passt das für die andere Person. Vielleicht sucht ihr eine dritte Lösung. Beides ist hilfreicher, als deinen Wunsch vorsorglich geheim zu halten.

3. Halte eine kleine Enttäuschung aus.

Wenn jemand „Schade“ sagt, darfst du das hören, ohne sofort umzuschwenken. Lass der Person ihre Reaktion. Gib dir selbst denselben Raum für deine Entscheidung.

Du kannst nach solchen Situationen beobachten: Was habe ich befürchtet? Was ist tatsächlich passiert? Vielleicht war die Reaktion unangenehm. Vielleicht auch erstaunlich unspektakulär. Beides sind Informationen, mit denen du beim nächsten Mal etwas anfangen kannst.

Es allen recht machen wollen kann dich sehr beschäftigt halten. Du beantwortest Wünsche, entschärfst Stimmungen und findest für alles eine Lösung. Nur für deine eigene Meinung bleibt auffällig selten Platz auf der Agenda.

Beim nächsten „Was wäre dir lieber?“ darfst du kurz innehalten. Und dann eine Antwort geben, in der du tatsächlich vorkommst.